Warum Hunde andere Hunde anbellen, in die Leine springen und hinter ähnlichem Verhalten ganz unterschiedliche Gefühle und Bedürfnisse stecken können.
Stell dir vor, du bist mit deinem Hund unterwegs. Ihr genießt euren Spaziergang, bis euch ein anderer Hund entgegenkommt. Plötzlich wird die Leine straff, dein Hund beginnt zu bellen, springt nach vorne und scheint dich überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Du versuchst, ihn anzusprechen, vielleicht bietest du ihm ein Leckerchen an oder möchtest seine Aufmerksamkeit auf dich lenken. Aber nichts funktioniert. Erst als der andere Hund verschwunden ist, wird es langsam wieder ruhiger. Du atmest durch und fragst dich einmal mehr, warum dein Hund nur so heftig reagieren muss.
Ein paar Straßen weiter erlebt ein anderer Hundehalter fast dieselbe Situation. Auch sein Hund bellt, springt in die Leine und ist kaum noch ansprechbar. Würden wir beide Hunde beobachten, könnten wir schnell zu dem Schluss kommen, dass sie dasselbe Problem haben. Vielleicht würde jemand sagen: „Die sind eben reaktiv.“ Doch was bedeutet das eigentlich? Und wissen wir damit schon, warum sich diese beiden Hunde so verhalten? Was wäre, wenn der eine Hund vor allem möchte, dass der andere verschwindet, während der zweite unbedingt hinmöchte und sich darüber aufregt, dass ihn die Leine daran hindert?
Vor Kurzem habe ich eine wissenschaftliche Arbeit gelesen, die mich genau über diese Frage noch einmal nachdenken ließ. Die Forscher Beverley Wilson, Carl Soulsbury und Daniel Mills beschäftigen sich darin mit der Unterscheidung von Furcht und Frustration bei Hunden. Besonders interessant fand ich, dass sie in ihrer Literaturauswertung Arbeiten, die sich lediglich mit dem Begriff „Reaktivität“ beschäftigten, bewusst nicht berücksichtigten, wenn daraus kein bestimmter emotionaler Zustand hervorging. Denn „reaktiv“ kann zunächst einfach bedeuten, dass ein Hund auf einen Auslöser reagiert. Was er dabei empfindet, bleibt offen.
Und da sind wir schon bei einem Punkt, den ich für das Verständnis unserer Hunde ganz entscheidend finde: Wir können ein Verhalten beschreiben, ohne damit bereits verstanden zu haben, was dahintersteckt.
Warum bellt mein Hund andere Hunde an?
Zunächst einmal ist jeder Hund reaktionsfähig, und das ist auch gut so. Hunde nehmen ihre Umwelt wahr, beobachten Veränderungen und reagieren auf das, was um sie herum geschieht. Ein plötzlich auftauchender Artgenosse, ein fremdes Geräusch oder eine unerwartete Bewegung können Aufmerksamkeit, Anspannung oder eine deutliche Verhaltensreaktion auslösen. Das allein ist noch kein Verhaltensproblem. Im Zusammenhang mit Hundebegegnungen wird der Begriff „reaktiv“ allerdings häufig verwendet, wenn ein Hund besonders schnell, intensiv oder schwer regulierbar auf einen Reiz reagiert. Vielleicht bellt er, knurrt, springt nach vorne oder versucht mit aller Kraft, sich aus der Situation zu entfernen. Andere Hunde werden dagegen ganz still, erstarren oder weichen aus. Auch solche Reaktionen können Ausdruck einer erheblichen emotionalen Belastung sein, selbst wenn sie weniger auffallen.
Und noch etwas ist wichtig: Reaktiv bedeutet nicht automatisch aggressiv. Ein Hund, der laut bellt und nach vorne springt, möchte nicht zwangsläufig angreifen. Drohverhalten kann beispielsweise auch dazu dienen, einen anderen Hund auf Abstand zu halten. Umgekehrt sollten wir heftiges Bellen nicht verharmlosen, denn selbstverständlich können solche Situationen eskalieren. Allein aus der Lautstärke oder Heftigkeit einer Reaktion lässt sich aber weder die zugrunde liegende Emotion noch die tatsächliche Absicht eines Hundes zuverlässig ablesen.
Schauen wir noch einmal auf unsere beiden Hunde vom Anfang. Nehmen wir an, der erste hat mehrfach erlebt, dass fremde Hunde sehr schnell und direkt auf ihn zukommen. Vielleicht wurde er bedrängt oder konnte einer unangenehmen Begegnung nicht ausweichen. Inzwischen könnte schon der Anblick eines fremden Hundes die Erwartung auslösen, dass wieder etwas Unangenehmes passieren wird. Möglicherweise beginnt seine Anspannung bereits in größerer Entfernung. Er verlangsamt seine Schritte, beobachtet den anderen Hund sehr genau oder versucht zunächst, einen Bogen zu laufen. Wird der Abstand trotzdem immer kleiner, beginnt er schließlich zu bellen und nach vorne zu springen. Vielleicht hat er damit schon erlebt, dass sich ein anderer Hund entfernt. Sein Verhalten könnte also vor allem dazu dienen, mehr Distanz und damit Sicherheit herzustellen.
Beim zweiten Hund sieht die Geschichte möglicherweise ganz anders aus. Vielleicht hat er früher häufig mit anderen Hunden gespielt und verbindet Begegnungen mit der Erwartung, Kontakt aufnehmen zu dürfen. Schon aus einiger Entfernung wird er aufmerksam, zieht nach vorne und möchte hinüber. Doch diesmal geht das nicht. Die Leine begrenzt seine Bewegungsmöglichkeiten, der andere Hund kommt näher und läuft dann einfach vorbei. Was er erwartet hat, tritt nicht ein. Die zunehmende Frustration könnte sich schließlich ebenfalls in heftigem Bellen und Springen äußern.

Für uns sieht das Verhalten ähnlich aus. Aber beim ersten Hund könnte die Sorge vor einer unangenehmen Begegnung im Vordergrund stehen, während der zweite vor allem mit einer enttäuschten Erwartung und eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten zu tun hat. Das sind natürlich nur zwei mögliche Erklärungen. Sie machen aber deutlich, weshalb wir vorsichtig sein sollten, aus einem bestimmten Verhalten unmittelbar auf ein bestimmtes Gefühl zu schließen.
Manche Hunde erleben bei Begegnungen sogar beides gleichzeitig. Sie möchten sich vielleicht einem Artgenossen nähern, sind aber unsicher, wie dieser reagieren wird. Sie gehen ein paar Schritte vorwärts, halten plötzlich inne, wenden sich ab und orientieren sich dann doch wieder zum anderen Hund. Solche Wechsel können Hinweise auf einen Konflikt zwischen Annäherung und Vermeidung geben. Kommt dann noch eine kurze Leine hinzu, die ein selbstständiges Ausweichen erschwert, kann die Anspannung weiter steigen. Auch körperliche Beschwerden dürfen wir nicht vergessen. Ein Hund mit Schmerzen oder eingeschränkter Beweglichkeit kann Nähe, Berührung oder eine schnelle Annäherung anders erleben als ein körperlich unbelasteter Hund. Vielleicht reagiert er deshalb in Situationen, die für ihn früher problemlos waren, plötzlich deutlich empfindlicher.
Wie sehr einzelne Erfahrungen das Verhalten eines Hundes verändern können, habe ich auch in meinem Artikel „Seitdem ist mein Hund anders“ beschrieben.
Was ich an der aktuellen Forschung besonders interessant finde, ist dieser Blick auf die mögliche Funktion einer Emotion. Bei Furcht geht es vereinfacht darum, erwartete Gefahren und mögliche körperliche Schädigungen zu vermeiden. Frustration kann dagegen entstehen, wenn ein Hund etwas tun möchte, aber daran gehindert wird, wenn ihm Handlungsmöglichkeiten fehlen oder Erwartungen nicht erfüllt werden. Die Forscher betrachten dabei auch Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, das Eindringen in den persönlichen Raum und Konflikte zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen. Ihr vorgeschlagenes Ordnungssystem ist noch nicht abschließend wissenschaftlich überprüft. Es hilft aber, Fragen zu stellen, die über die bloße Beschreibung des Verhaltens hinausgehen.
Und genau das macht für mich den Unterschied: Wir sprechen nicht mehr nur darüber, dass ein Hund bellt, sondern beginnen zu verstehen, welche Bedeutung die Begegnung für ihn haben könnte.
Was kannst du bei deinem eigenen Hund beobachten?
Vielleicht fragst du dich jetzt, wie du überhaupt erkennen kannst, was hinter dem Verhalten deiner Fellnase steckt. Ganz so einfach ist das leider nicht, und ich möchte dir auch keine Liste von Körpersignalen an die Hand geben, nach dem Motto: Wenn dein Hund dieses Zeichen zeigt, hat er Angst, und wenn er jenes zeigt, ist er frustriert. So eindeutig ist Hundeverhalten nicht. Ein einzelnes Signal kann je nach Situation ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Viel aufschlussreicher ist es, den gesamten Verlauf einer Begegnung zu betrachten.
Besonders interessant ist dabei häufig das, was passiert, bevor dein Hund überhaupt zu bellen beginnt. Vielleicht hebt er schon bei einem weit entfernten Hund den Kopf und unterbricht sein Schnüffeln. Vielleicht bleibt er stehen, verändert seine Körperhaltung oder nimmt den anderen Hund so intensiv ins Visier, dass er kaum noch auf seine Umgebung achtet. Ein anderer Hund versucht möglicherweise schon früh, seitlich auszuweichen oder mehr Abstand herzustellen. Wieder ein anderer zieht erwartungsvoll nach vorne und wird erst dann zunehmend unruhig, wenn er nicht weitergehen kann. All diese Beobachtungen sind Hinweise, keine sicheren Beweise für bestimmte Gefühle. Aber sie helfen dabei, mögliche Zusammenhänge zu erkennen.

Auch die Situation selbst erzählt uns etwas. Reagiert dein Hund auf jeden Artgenossen oder nur auf bestimmte Hunde? Ist es auf schmalen Wegen schwieriger als auf einer großen Wiese? Macht es einen Unterschied, ob der andere Hund direkt auf euch zukommt oder in einem Bogen vorbeigeht? Vielleicht sind Begegnungen mit ausreichend Abstand gut möglich, während es schwierig wird, sobald dein Hund nicht mehr ausweichen kann. Und manchmal spielt auch seine Tagesverfassung eine Rolle. Ein Hund, der bereits mehrere aufregende Situationen erlebt hat, wenig Ruhe finden konnte oder körperlich belastet ist, reagiert möglicherweise anders als an einem entspannten Tag.
Ebenso aufschlussreich kann sein, was nach einer Begegnung geschieht. Findet dein Hund schnell wieder zu seinem gewohnten Verhalten zurück, beginnt zu schnüffeln und kann seinen Weg ruhig fortsetzen? Oder bleibt er noch lange angespannt, beobachtet aufmerksam die Umgebung und reagiert auf den nächsten Reiz besonders empfindlich? Vielleicht kannst du sogar feststellen, dass bestimmte Veränderungen helfen: mehr Abstand, ein anderer Weg oder die Möglichkeit, selbstständig auszuweichen. Das bedeutet nicht automatisch, dass wir damit schon die Ursache gefunden haben. Aber wir erkennen Bedingungen, unter denen die Situation für deinen Hund leichter oder schwerer wird.
Du musst solche Beobachtungen übrigens nicht dadurch überprüfen, dass du deinen Hund absichtlich in schwierige Begegnungen bringst. Gerade wenn er sich stark aufregt oder andere gefährdet werden könnten, sind ausreichender Abstand und eine sichere Gestaltung der Situation wichtiger als jedes Experiment. Oft lassen sich bereits bei gewöhnlichen Spaziergängen viele wertvolle Hinweise sammeln, ohne den Hund zusätzlich zu belasten.
Vielleicht merkst du beim Lesen, dass dein Hund manchmal ganz unterschiedlich auf ähnliche Situationen reagiert. Auch das ist kein Widerspruch. Emotionen sind keine festen Eigenschaften, die wir einem Hund einmal zuordnen und die dann immer gleich bleiben. Erfahrungen, Erwartungen, körperliche Verfassung, Umweltbedingungen und die verfügbaren Handlungsmöglichkeiten beeinflussen, wie eine Situation erlebt wird. Deshalb muss ein Hund, der bei einer Begegnung vor allem aus Furcht reagiert, nicht grundsätzlich ein ängstlicher Hund sein. Und ein Hund, der an der Leine frustriert ist, muss nicht generell Schwierigkeiten haben, mit Frustration umzugehen.
Was bedeutet das nun für den Umgang mit einem reaktiven Hund? Zunächst einmal, dass nicht jede gut gemeinte Übung automatisch zum eigentlichen Problem passt. Natürlich kann es hilfreich sein, die Aufmerksamkeit des Hundes auf seinen Menschen zu lenken oder ruhiges Verhalten zu verstärken. Solche Übungen haben durchaus ihren Platz. Wenn ein Hund aber befürchtet, bedrängt zu werden, muss auch diese Erwartung berücksichtigt werden. Vielleicht braucht er zunächst verlässlich mehr Abstand und die Erfahrung, dass er eine Begegnung nicht aushalten muss, wenn sie ihn überfordert. Steht dagegen Frustration im Vordergrund, könnten seine Erwartungen, seine Möglichkeiten zur Regulation und alternative Handlungsspielräume wichtiger sein.
Welche Rolle eigene Entscheidungen und die Erfahrung, etwas selbst bewirken zu können, dabei spielen, habe ich in meinem Beitrag über Selbstwirksamkeit näher erklärt.
Das ist übrigens kein Gegensatz zwischen Hundetraining und Verhaltenstherapie. Auch gute Trainingsarbeit bezieht Emotionen und individuelle Bedürfnisse ein. Entscheidend ist nicht die Bezeichnung einer Methode, sondern ob die Unterstützung zu dem passt, was den Hund tatsächlich belastet.
In meiner tierpsychologischen Arbeit bei Blickwechsel® schaue ich deshalb besonders darauf, wie ein Verhalten entsteht, unter welchen Bedingungen es auftritt und was wir aus dem gesamten Alltag des MenschHundTeams darüber lernen können. Dazu gehören die Vorgeschichte, die Gesundheit und die Bedürfnisse des Hundes genauso wie die Beobachtung seiner Begegnungen und seiner Möglichkeiten, mit schwierigen Situationen umzugehen. Nicht um möglichst viele Ursachen zu finden, sondern um die wirklich wichtigen Zusammenhänge zu erkennen. Manchmal ist auch eine tierärztliche Abklärung notwendig, insbesondere wenn sich Verhalten plötzlich verändert oder Schmerzen und andere körperliche Beschwerden eine Rolle spielen könnten.
Wenn wir besser verstehen, was eine Begegnung für den einzelnen Hund bedeutet, können wir auch gezielter entscheiden, wie wir ihn unterstützen. Und manchmal zeigt sich erst im weiteren Verlauf, dass wir unsere erste Vermutung noch einmal überdenken müssen. Auch das gehört zu einer sorgfältigen Verhaltenstherapie.
Vielleicht gehst du nach diesem Artikel bei der nächsten Hundebegegnung mit einer etwas anderen Frage durch die Welt. Nicht nur: „Warum bellt mein Hund schon wieder?“ Sondern vielleicht auch: „Wann hat seine Anspannung eigentlich begonnen? Was könnte ihm in diesem Moment wichtig sein? Und was hätte ihm geholfen, besser mit der Situation zurechtzukommen?“

Du wirst darauf nicht immer sofort eine Antwort finden. Aber du beginnst, deinen Hund mit anderen Augen zu betrachten. Und vielleicht entdeckst du dabei Zusammenhänge, die bisher hinter dem auffälligen Verhalten verborgen geblieben sind.
Denn „reaktiv“ beschreibt zunächst das, was wir sehen. Was der Hund tatsächlich erlebt, können wir erst verstehen, wenn wir genauer hinschauen.
Und genau dort beginnt für mich der eigentliche Blickwechsel.
Wissenschaftliche Grundlage
Wilson, B. M., Soulsbury, C. D. & Mills, D. S. (2026). Development of a psychobiological nosology for fear and frustration in clinical animal behavior using dogs as a model species. Frontiers in Psychology, 17, 1888439.


