Draußen ruhig. Drinnen außer sich.

Eine Beobachtung aus der Praxis – und warum sie oft falsch eingeordnet wird

In diesem Blog beschreibe ich einen realen Fall aus meiner tierpsychologischen Arbeit. Ich beschreibe diesen Hund bewusst anonym. Die Halterin ist nicht im Internet unterwegs, liest meine Texte nicht mit und kann öffentliche Reaktionen oder Diskussionen nicht verfolgen. Gerade deshalb ist es mir wichtig, diesen Entwicklungsprozess nicht zu personalisieren, sondern den fachlichen Blick auf Verhalten und Veränderung in den Mittelpunkt zu stellen.

Als ich diesen Hund kennenlernte, war er drinnen wie draußen massiv überdreht. Jede Bewegung wurde kommentiert, es wurde viel gebellt, an der Leine gezogen, Reize konnten kaum gefiltert werden. Die innere Spannung war so hoch, dass es situativ auch zu Zwickverhalten kam – nicht aus Aggression, sondern aus Überforderung. Es gab keinen Moment zwischen Reiz und Reaktion, keinen inneren Raum, in dem der Hund hätte innehalten können. Er war nicht selektiv unruhig. Er war es überall.

Solche Hunde werden schnell als „hyperaktiv“ beschrieben. Manchmal auch als nicht erzogen. In diesem Fall gab es immer wieder Einschätzungen von außen, verbunden mit sehr klaren Empfehlungen, wie mit ihm umzugehen sei. Der Tenor war ähnlich: mehr Konsequenz, deutlichere Ansagen, körperlicher Druck über die Leine, laute Worte. Der Hund müsse lernen, sich zu benehmen.
Die Halterin zog sich aus diesen Situationen schnell zurück, weil sie spürte, dass diese Herangehensweise ihrem Hund nicht half, sondern ihn weiter unter Spannung setzte. Was hier als Erziehungsfrage formuliert wurde, hatte wenig mit Lernen zu tun. Ein Hund in einer so hohen inneren Erregung kann nicht aufnehmen, was von ihm verlangt wird. Es geht dann nicht um fehlenden Willen oder mangelnde Führung, sondern um einen Zustand, in dem Regulation schlicht nicht möglich ist.

Im therapeutischen Prozess veränderte sich dieses Bild deutlich. Mit mehr Struktur, klareren Abläufen und einer verlässlicheren emotionalen Begleitung begann sich die Grundspannung Schritt für Schritt zu senken. Der Hund wurde ansprechbarer, konnte Reize besser einordnen, fand zunehmend Momente des Innehaltens. Diese Entwicklung zeigte sich drinnen wie draußen. Aufmerksamkeit wurde möglich, Orientierung entstand, Entspannung wurde zu einem Zustand – nicht mehr nur zu kurzen Pausen zwischen zwei Eskalationen.

Über einen längeren Zeitraum hinweg war diese Entwicklung stabil. Dann jedoch veränderte sich der Kontext erneut massiv. Pflege eines Angehörigen, viele fremde Menschen im Haus, handwerkliche Arbeiten, Reparaturen, Einbrüche, eine dauerhaft hohe emotionale Belastung der Halterin. Für den Hund bedeutete das Monate der Unvorhersehbarkeit, in einem Umfeld, das zuvor mühsam wieder Sicherheit gewonnen hatte.

Da die Halterin für ihren Hund eine verlässliche Notbegleitung benötigt – für Zeiten, in denen sie sich kurzfristig nicht kümmern kann oder Arzt- und Kliniktermine anstehen – haben wir uns entschieden, gemeinsam in meinem neuen Format Blickwechsel Exklusiv Blickwechsel Exklusivzeit | Hannover | Blickwechsel weiterzuarbeiten. Gestern fand dazu nach längerer Zeit wieder mal ein erster gemeinsamer Spaziergang statt.

Als ich ankam, war da zunächst ein Hund, der sich nur schwer beruhigen konnte. Wir waren allerdings auch direkt auf dem Sprung, um loszugehen. Bei den ersten Spaziergängen ist die Halterin meist dabei, so auch gestern.

Kaum waren wir im Wald, zeigte sich ein ganz anderes Bild. Ich führte den Hund, und ich war ehrlich zufrieden mit seinem Entwicklungsstand. Er war konzentriert, suchte immer wieder Kontakt, konnte bei Suchspielen warten, bis die Leckerchen im Baum verstaut waren. Auf Distanz beobachtete er seine Umwelt, ließ sich durch meine ruhige Sprache darin unterstützen und konnte bei einzelnen Situationen kurz Spannung aufbauen, dann aber selbst entscheiden, dass dieses Verhalten nicht zielführend ist. Er nahm wieder Kontakt auf und ging nach Freigabe an lockerer Leine weiter. Alles wirkte stimmig, reguliert, klar.

Nach dem Spaziergang fuhren wir gemeinsam nach Hause. Und hier kam der Gedanke, den viele Halter kennen – und den auch die Halterin äußerte:
Wir waren heute schon dreimal draußen. Jetzt müsste er doch eigentlich ausgelastet sein.

Wir betraten das Haus, und es war, als hätten wir eine Verwandlung beobachtet. Der Hund begann sofort dauerhaft zu bellen, lief aufgeregt von rechts nach links, fand keine Orientierung. Die Ansprache der Halterin griff, wenn überhaupt, nur für Sekunden. Auch nach zehn Minuten war keine echte Beruhigung möglich. Eine Kaustange sorgte für etwa drei Minuten Ruhe – dann ging es weiter.

In diesem Moment wurde noch einmal sehr deutlich, worum es hier eigentlich geht. Diese Form von Unruhe hat nichts mit fehlender Auslastung zu tun. Sie entsteht nicht durch zu wenig Bewegung, sondern durch einen Kontext, der für den Hund mit innerer Alarmbereitschaft verknüpft ist. Draußen war Regulation möglich, weil das Nervensystem dort Sicherheit abrufen konnte. Drinnen hingegen reichten gespeicherte Erfahrungen von Anspannung und Unvorhersehbarkeit aus, um alte Muster zu aktivieren.

Was von außen wie „hyperaktiv“, „nicht erzogen“ oder „wieder schlechter geworden“ wirkt, ist in Wahrheit etwas anderes: eine kontextgebundene Unruhe. Der Hund reagiert nicht auf das, was gerade passiert, sondern auf das, was dieser Ort für ihn bedeutet.

Gerade wenn man Hunde über längere Zeit begleitet, zeigt sich, wie viele Gesichter Verhalten haben kann. Erst durch Entwicklung wird Differenzierung möglich. Dass sich die Unruhe heute nur noch in bestimmten Räumen zeigt, ist kein Rückschritt, sondern ein Hinweis darauf, dass das Nervensystem gelernt hat zu unterscheiden. Der Kern wird sichtbar.

Genau hier setzen wir nun weiter an. Nicht, indem der Hund noch mehr leisten oder „aushalten“ muss, sondern indem wir uns anschauen, was ihm in diesen Situationen fehlt. Im Alltag heißt das: Der Wechsel vom Draußensein ins Haus wird ruhiger begleitet, Abläufe im Haus klarer und verlässlicher gestaltet und der Hund bekommt Unterstützung, wenn er die Orientierung verliert. Ziel ist, dass er sich in seinem eigenen Zuhause wieder sicher fühlen kann – denn erst dann kann er auch dort zur Ruhe kommen.

Für alle die dieses Thema vertiefen möchten: Ende Februar gibt es ein neues Blickwechsel Live. Dort geht es genau um solche Situationen: Hunde, die als nicht ausgelastet, nicht erzogen oder „schwierig“ gelten – und bei denen sich zeigt, dass der eigentliche Auslöser woanders liegt.
Der genaue Termin und weitere Informationen werden in Kürze bekanntgegeben unter: Webinar | Hannover / Hildesheim | Blickwechsel

 

 

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